Professor Peter van der Putten hat sich Zeit seines Lebens mit der künstlichen Intelligenz auseinandergesetzt. Im Interview mit Beyond Buzzwords zeigt er schonungslos die Schwächen der aktuellen Diskussion darum auf und gibt uns Hinweise, in welche Richtung sich die KI entwickeln wird: Sie soll zum „situativen“ Treibstoff für „autonome Unternehmen“ der Zukunft werden.
Peter van der Putten ist Assistant Professor für AI und Creative Computing am Leiden Institute of Advanced Computer Science (LIACS), Holland. In dieser Rolle sowie als Director Pega AI Lab bei Pegasystems ist er ganz auf die strategische Entwicklung und Anwendung von Künstlicher Intelligenz fokussiert, mit einem Schwerpunkt auf Adaptive Decisioning, Predictive Analytics und Responsible AI. Noch vor dem großen KI-Hype war er maßgeblich in Projekte im Bereich Machine Learning und Data Mining involviert.
Er kann auf eine lange Geschichte in der IT zurückblicken und spielte schon immer eine führende Rolle in der Analytik-Sparte. Bezeichnenderweise hat er einen Master of Science (MSc)-Abschluss in Cognitive Science an der Universität Leiden. Als Autor zahlreicher wissenschaftlicher Fachartikel zu den Themen Data Mining, neuronale Netze und Kundenverhaltensanalyse sowie als regelmäßiger Sprecher auf internationalen Technologie-Konferenzen ist er dazu prädestiniert, im Rahmen unserer Interviewreihe zu Trends & Buzzwords Licht ins Dunkel zu bringen: Was ist ein echter Trend, und was nur heiße Luft? Für uns beantwortete er diese Frage(n) mit starkem Bezug auf seine aktuelle Forschungsarbeit, die künstliche Intelligenz.
Beyond Buzzwords: Herr Professor van der Putten, helfen Sie uns: Wie haben Sie erkannt, dass ein Hype nur ein Hype war – und kein nachhaltiger Trend? Sie sind ja fast ausschließlich mit der künstlichen Intelligenz zugange… gab oder gibt es da auch – lassen Sie es uns salopp formulieren - hysterische Fehlentwicklungen?
van der Putten: Für mich waren die Diskussionen über Künstliche Allgemeine Intelligenz (AGI) sehr irritierend. Ich halte sie sogar für kontraproduktiv, denn sie konzentrieren sich viel zu stark auf potenzielle Risiken in einer fernen Zukunft.
Also geben wir „Butter bei die Fische“: Wie führen wir die Diskussion rund um die KI richtig?
Im Vordergrund sollten die Chancen und Risiken des aktuellen Stands der KI stehen. Es wäre fatal, wenn sie zu einem Marketinginstrument für „Tech-Bros” oder „Doomers” verkommt. Dazu kommt: Die Vorstellung, dass nützliche Intelligenz allgemein sein muss, ist Unsinn. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Wenn man ein KI-System entwickelt, um Krebs zu diagnostizieren oder Kreditanträge zu genehmigen, ist es egal, ob es auch Symphonien komponieren kann.
Müssen wir uns künftig vor der KI fürchten? In unzähligen medial vermittelten Visionen wie Stanley Kubricks „2001“ mutiert die KI zum Instrument des Bösen und will Menschen ausrotten.
Beides, das Versprechen einer Intelligenz, die „klüger ist als wir“ oder die Angst davor, erscheint mir übertrieben. In vielen Bereichen sind Computer schon lange klüger als Menschen, sei es beim Schachspielen oder beim Berechnen von Quadratwurzeln. Es gibt viele Beispiele dafür und wir haben das gut verarbeitet. Zudem kann KI auch nützlich sein, wenn sie unterhalb des menschlichen Niveaus arbeitet, einfach weil sie automatisiert werden kann. Und warum sollte man sich auf das menschliche Niveau beschränken? Diese Schwelle ist willkürlich und sie hat viel mit unserem Gefühl der Überlegenheit oder der Angst zu tun, ersetzt zu werden.
Auch die KI entwickelt sich evolutionär, aktuell sorgen ihre Agenten für viel Aufsehen. Werden sie sich durchsetzen und tatsächlich in jedem Unternehmen zu Hunderten vorkommen?
Agentische KI ist einer dieser Trends, bei denen ich noch skeptisch in Hinblick darauf bin, wie sie heute positioniert wird. Ich sehe jedoch viele Chancen, wenn wir unsere Sicht auf Agenten neu definieren. Meine Skepsis rührt sowohl von den Einschränkungen agentischer Systeme als auch von einigen naiven Einstellungen bezüglich GenAI und dem Marketing-Hype um GenAI-gestützte Agenten her.
Was meinen Sie mit naiven Einstellungen bezüglich GenAI und dem Marketing-Hype um GenAI-gestützte Agenten?
Multi-Agenten-Systeme werden bereits seit Jahrzehnten erforscht. Sie wurden aber bislang lediglich in relativ begrenzten, klar definierten Nischenanwendungen eingesetzt. GenAI hat Agenten aus diesem Käfig befreit. Aggressives Marketing der Anbieter hat den Eindruck erweckt, als hätte jeder Vorstand sie bald an seinem Tisch und die Lösung aller Unternehmensprobleme wäre nur eine Frage der Freisetzung von Schwärmen promptgesteuerter Agenten. Nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein.
Denn die wahre Wahrheit lautet..?
Agenten sind potenziell nützlich, müssen aber an der kurzen Leine gehalten werden. Um sie sicher und erfolgreich einzusetzen, müssen Sie sie aus den richtigen Prozessen heraus aufgerufen und mit den richtigen Daten, Kenntnissen, Arbeitsabläufen und Tools verbunden werden. Voraussetzung dafür ist eine nahtlose Integration von menschlicher Arbeit, vordefinierten Prozessen sowie agentenbasierter Arbeit und Interaktionen.
Was wird Ihrer Meinung nach auf die Agenten folgen und das nächste große Schlagwort oder der nächste Hype sein?
Der Hype um KI hat seinen Höhepunkt noch lange nicht erreicht. Dazu gilt es aber, den Hype von den tatsächlichen Innovationen zu trennen. Und die haben sich Laufe der Jahre kontinuierlich weiterentwickelt – stetiger als der Hype um sie herum. Es gibt Bereiche, in denen KI bereits seit langem eingesetzt wird. Aber erst jetzt beginnen die meisten Unternehmen sie sinnvoll in großem Umfang zu nutzen. Und das ist eine gute Nachricht, denn es gibt noch viel Potenzial für die Einführung, aber auch für grundsätzliche Fortschritte.
An welche Fortschritte denken Sie dabei konkret?
Moderne KI erscheint unglaublich begrenzt im Vergleich zu einfachen biologischen Organismen. Diese lernen durch ständige Interaktion, Feedback und Anpassung in dynamischen Umgebungen zu überleben, bei begrenztem Vortraining. Frühe Kybernetikforscher haben das gut verstanden. Es ist diese Art von „situativer“ oder „autonomer“ Intelligenz, die die „autonomen Unternehmen“ der Zukunft antreiben wird. Also Organisationen, die sich unter vollständiger menschlicher Steuerung und Kontrolle selbst in Richtung ihrer organisatorischen Ziele optimieren.

Herr Professor van der Putten, wir bedanken uns sehr für dieses aufschlussreiche Interview!
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