Der EU Data Act bildet die Basis, Initiativen wie Manufacturing-X oder Factory-X sind die Säulen: Die Industrie im digitalen Wandel und warum jetzt die Software-Anbieter gefragt sind.
Die digitale Transformation der europäischen Industrie steuert auf eine neue Ära zu. Doch während der Weg in eine föderative Datenökonomie vorgezeichnet ist, stellt sich nach wie vor die praktische Frage der Umsetzung. Auf welche Akteure kommt es jetzt an, damit digitale Wertschöpfung, Resilienz und Nachhaltigkeit nicht nur Schlagworte bleiben, sondern für Unternehmen Realität werden?
Der Hintergrund: Ein Markt für freien Datenfluss
Grundsätzlich soll ein einheitlicher europäischer Markt entstehen, der Sektor-übergreifend einen freien Datenfluss ermöglicht. Entsprechend prominent ist die Besetzung bei Manufacturing-X: Die Bundesregierung, Verbände wie VDMA, ZVEI und Bitkom sowie Schwergewichte wie Bosch, SAP, Siemens und Trumpf investieren Know-how in die Initiative. Das Ziel ist die endgültige Digitalisierung der deutschen Wirtschaft. Ohne eine gemeinsame Datenökonomie würden Projekte künftig am eigenen Werkstor enden und ihr volles Potenzial niemals entfalten.
Eine Schlüsselrolle nimmt dabei Factory-X ein. Während Manufacturing-X branchenübergreifend agiert, ist Factory-X als spezifisches Pendant zu Catena-X (Automotive) für den Maschinen- und Anlagenbau konzipiert. Rund 50 Partner entwickeln hier eine Plattform für den Datenaustausch in der Fertigungsindustrie. Weitere Projekte wie Aerospace-X oder Silicon-X für die Chipindustrie sind bereits in der Diskussion.
Konfektionierte Anwendungen als Erfolgsfaktor
Damit Manufacturing-X in der Breite ankommt, sind nun vor allem die Anbieter von Standardsoftware gefragt. Nur wenn Lösungen „aus der Schublade“ verfügbar sind, wird die Skalierung in den Mittelstand gelingen. Mittelständische Unternehmen verfügen selten über die Ressourcen für isolierte Entwicklungsprojekte. Sie benötigen fertige Schnittstellen in ihren ERP- (Enterprise Resource Planning) und MES-Systemen (Manufacturing Execution Systems). Bieten Softwareanbieter diese technischen Voraussetzungen nicht frühzeitig an, droht die Initiative an der mangelnden Nutzerakzeptanz der Basis zu scheitern.
Die Ressourcen-Konkurrenz: KI, Cloud und SaaS
Trotz der hohen Relevanz wird das Kriterium der Software-Verfügbarkeit von der Politik noch zu wenig berücksichtigt. Viele Softwarehäuser sind zudem kaum in die Initiativen eingebunden. Der Grund ist simpel: Die Branche ist bereits durch Themen wie Künstliche Intelligenz, Cloud-Transformationen und den Umstieg auf SaaS-Modelle (Software as a Service) massiv ausgelastet. Selbst bei Factory-X sind im kritischen ERP-Sektor bisher nur sehr wenige Player wie SAP oder Proalpha aktiv dabei.
Hinzu kommt ein Wahrnehmungsproblem: Manufacturing-X wird oft fälschlicherweise als reines Produktionsthema missverstanden. Dabei liegen die Kernziele in der Resilienz der Lieferketten und der Nachhaltigkeit – Themen, die das gesamte Unternehmen betreffen. Da der Fokus in der Kommunikation oft zu stark auf der Fertigungshalle liegt, fühlen sich Anbieter von betriebswirtschaftlicher Software oder Logistiklösungen bisher nicht ausreichend angesprochen.
Verbandsarbeit als Antriebsfeder
Dem VDMA-Fachverband Software und Digitalisierung mit seinen fast 600 Mitgliedern kommt hier eine entscheidende Rolle zu. Die Anbieter müssen aktiv „mitgenommen“ werden. Es ist ein offenes Geheimnis der Branche: Wenn es nicht gelingt, zeitnah ein breites Angebot an „Manufacturing-X-ready“-Software zu schaffen, ist das Risiko eines Scheiterns groß. Standardisierung ist der einzige Weg, um Anwender zur Nutzung zu motivieren. Ein mahnendes Beispiel ist die Industrie-4.0-Initiative, die aufgrund zu vieler „Hochglanz-Konzepte“ und zu weniger Standardanwendungen hinter den Erwartungen zurückblieb.
Wie sich der Mittelstand vorbereiten kann
Um den Anschluss an Manufacturing-X nicht zu verpassen, sollten Unternehmen bereits heute drei Schritte unternehmen:
- Dateninventur:
Welche Daten fallen im Unternehmen an (Produktion, Logistik, Energie) und wie konsistent sind diese abgelegt? - Schnittstellen-Check:
Fragen Sie Ihren ERP- und Softwareanbieter aktiv nach der Roadmap für Manufacturing-X-Schnittstellen. - Ökosystem-Denken:
Identifizieren Sie Partner in Ihrer Lieferkette, mit denen ein digitaler Datenaustausch (z.B. für den CO2-Fußabdruck) kurzfristig den größten Nutzen stiften würde.
Ausblick: Vom Konzept zur Anwendung
Konkrete Angebote werden über die nächsten zwei Jahre entstehen. In dieser Übergangszeit müssen sich Anbieter und Anwender auf das Arbeiten in föderativen Ökosystemen vorbereiten. Eine stärkere Orientierung an den Zielen Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit ist dabei wichtiger als die bloße Fokussierung auf Maschinenparameter.
Es braucht einen Startschuss für eine breite Offensive, die Softwarehäuser von Beginn an integriert. Catena-X hat bereits gezeigt, dass konkrete Use-Cases überzeugen können. Allerdings hat die Automobilbranche einen Vorteil: Große OEMs können Druck auf ihre Zulieferkette ausüben. Im klassischen Maschinenbau ist dies kaum möglich. Hier muss der Nutzen durch funktionierende Referenzen demonstriert werden. Der industrielle Mittelstand steht den X-Themen derzeit noch skeptisch gegenüber; diese Skepsis lässt sich nur durch Software lösen, die einen unmittelbaren Mehrwert bietet, ohne die Komplexität im Betrieb zu erhöhen.
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