Kreislaufwirtschaft: Mehrheit steckt in der „Pilot-Falle“ fest

Beitrag von Dr. Dietmar Müller

Chefredakteur Beyond Buzzwords

18. Mai 2026

Circular Supply Chains sind keine Nachhaltigkeitsprojekte mehr, sondern markieren eine knallharte Industriestrategie, der praktisch alle Wirtschaftskapitäne folgen wollen. Doch es hapert bei der Umsetzung, wie eine neue Studie von Bain & Company und dem Weltwirtschaftsforum zeigt.

 

Eine neue Studie von Bain & Company in Kooperation mit dem Weltwirtschaftsforum zeigt einen Paradigmenwechsel auf: Die Kreislaufwirtschaft ist kein reines Nachhaltigkeitsprojekt mehr, sondern eine knallharte Industriestrategie. Der Report mit dem Titel „The Secret to Scaling Circular Supply Chains“ legt aber auch offen, dass zwar 95 Prozent aller Führungskräfte die Kreislaufwirtschaft für die nächsten drei Jahre als kritisch für ihr Geschäft einstufen, aber nur knapp 20 Prozent tatsächlich über die Lieferketten-Kapazitäten verfügen, um diese Modelle auch im großen Stil umzusetzen.

Die Mehrheit der Unternehmen steckt in einer „Pilot-Falle“ fest. Sie führen zwar lobenswerte Einzelprojekte durch – oft beschränkt auf Recycling oder Abfallmanagement –, verpassen es aber, ihre gesamte Supply-Chain-Architektur auf die Rückgewinnung von Werten auszulegen. Laut Befragung von 400 führenden Organisationen sind über 55 Prozent der Initiativen lediglich auf das Ende des Lebenszyklus (End-of-Life) fokussiert, anstatt das Produktleben strategisch zu verlängern.

 

Das Geheimnis der Skalierung: Drei strategische Leitlinien

Die oberste Erkenntnis der Studie ist, dass erfolgreiche Kreislaufwirtschaft nicht bedeutet, „einfach mehr“ zu machen, sondern die Lieferkette neu zu gestalten, um Variabilität aufzufangen und den Wert über mehrere Produktleben hinweg zu sichern. Marktführer folgen dabei drei klaren Prinzipien:

1. Die Auswahl „gewinnbarer“ Produkte (Winnable Products)

Nicht jedes Produkt eignet sich gleichermaßen für den Start. Die Studienautoren empfehlen, sich auf Assets mit hohem Restwert und vorhersehbaren Rückströmen zu konzentrieren. Besonders technische Güter, Fahrzeuge oder Geräte mit strategisch wichtigen, knappen Rohstoffen bieten hier den größten wirtschaftlichen Hebel. Die technische Machbarkeit für Reparatur, Aufarbeitung oder Remanufacturing muss gegeben sein, um ökonomisches Momentum zu erzeugen, bevor die volle Skalierung erreicht ist.

 

2. Ausrichtung auf konsistente Nachfrage

Ein häufiger Fehler ist das Fehlen einer klaren Kundenpriorisierung. Daten zeigen, dass 60 Prozent der Unternehmen (im Maschinenbau sogar 74 Prozent) keine gezielte Strategie verfolgen, welche Kundensegmente die größte Nachfrage nach zirkulären Lösungen haben. Skalierung gelingt dort am schnellsten, wo Kunden unter Kostendruck stehen, regulatorische Anforderungen wie NIS2 oder ESG-Reporting erfüllen müssen oder starke Anreize zur Lebensdauerverlängerung ihrer Anlagen haben. Besonders im B2B-Sektor und in regulierten Märkten ist der „Pull-Effekt“ am stärksten.

 

3. Das richtige Wertversprechen (Value Proposition)

Zirkularität darf nicht teurer oder komplizierter sein als das lineare Modell. Führungskräfte müssen das Wertversprechen so gestalten, dass es entweder die Total Cost of Ownership (TCO) senkt oder die Resilienz der Versorgung erhöht. Unternehmen, die früh in die Infrastruktur für zirkuläre Rohstoffe, den sogenannten Feedstock, investieren, sichern sich einen First-Mover-Vorteil durch günstigeren und schnelleren Zugang zu Materialien, während Primärrohstoffe im Preis steigen.

 

Die vier technologischen Katalysatoren

Damit die Transformation gelingt, identifiziert die Studie vier entscheidende Faktoren, wobei Technologie und Daten die Speerspitze bilden:

    • Ohne digitale Rückverfolgbarkeit ist Kreislaufwirtschaft blind. Der Einsatz von IoT, KI und digitalen Produktpässen ist essenziell, um den Zustand der installierten Basis zu überwachen und unvorhersehbare Rückströme zu managen. KI hilft hier massiv bei der Bedarfsprognose und der Optimierung der Rückwärtslogistik.
    • Zirkularität muss in die Governance und die Skillsets der Mitarbeiter integriert werden. Es braucht neue Anreizsysteme, die nicht nur den Erstverkauf, sondern den langfristigen Werterhalt belohnen.
    • Da zirkuläre Modelle oft hohe Vorabkosten bei verzögertem Rückfluss haben, müssen neue Finanzierungsmodelle - z. B. Product-as-a-Service - etabliert werden.
    • Unternehmen müssen proaktiv mit politischen Entscheidern zusammenarbeiten, um Standards für aufgearbeitete Waren zu harmonisieren und grenzüberschreitende Barrieren für Abfallströme abzubauen.

Hybrid-Modelle als Brückentechnologie

Ein interessantes Detail der WEF-Bain-Studie ist, dass 56 Prozent der Unternehmen auf Hybrid-Modelle setzen. Dabei werden zirkuläre und lineare Lieferketten meist voll integriert geführt. Dies bietet den Vorteil, dedizierte Infrastrukturen zu nutzen, während gleichzeitig die Flexibilität gewahrt bleibt. Die Zusammenarbeit mit externen Partnern ist dabei kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Notwendigkeit, um die komplexe Rückwärtslogistik effizient abzubilden.

 

Fazit: Vom Umweltschutz zum Wettbewerbsvorteil

Die Kernbotschaft des Reports ist eindeutig: Die Kreislaufwirtschaft ist die nächste Basis für Wettbewerbsvorteile. Während lineare Ketten unter Volatilität und Ressourcenknappheit leiden, bieten zirkuläre Lieferketten eine eingebaute Resilienz. Wer die Exekutionslücke schließt, indem er Produkte mit hohem Restwert wählt, die richtigen Kundensegmente anspricht und die Datenhoheit über den gesamten Lebenszyklus gewinnt, wird die Profit-Pools der Zukunft dominieren.

 

Die Berater von DIG informieren Anwender gerne detaillierter zum Thema Supply Chain, etwa wie das Zusammenspiel mit künstlich intelligenten Anwendungen funktioniert.

 

Kommentar hinzufügen