Die Krise als Katalysator für Ressourceneffizienz

Beitrag von Dr. Dietmar Müller

Chefredakteur Beyond Buzzwords

15. Mai 2026

Globale Konflikte wie der zwischen Russland und der Ukraine oder nun der USA und dem Iran sind humanitäre Tragödien und haben zugleich tiefgreifende ökonomische Auswirkungen – auch auf die Verpackungsindustrie: Gerade die jüngsten Krisen werden laut Experten paradoxerweise den Übergang zu zirkulären Verpackungsmodellen massiv beschleunigen.

 

Der russische Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 markiert einen Wendepunkt für die europäische und globale Industrie. Der plötzliche Mangel an Erdgas und die damit verbundenen explodierenden Energiekosten trafen energieintensive Sektoren wie die Glas- und Aluminiumherstellung besonders hart. Infolgedessen sahen sich Unternehmen gezwungen, ihre Materialstrategien grundlegend zu überdenken. Wenn die Primärproduktion von Rohstoffen aufgrund von Energiepreisen unbezahlbar wird, rückt die Kreislaufwirtschaft – also die Rückgewinnung und Wiederverwendung von Materialien – vom ökologischen Ideal zum wirtschaftlichen Imperativ auf.

Die Unterbrechung der Lieferketten hat die Verwundbarkeit gegenüber externen Schocks offengelegt. Aluminium, das oft aus Russland exportiert wurde, und Getreideprodukte, die für biobasierte Kunststoffe relevant sind, wurden knapp oder verteuerten sich drastisch. Dies hat dazu geführt, dass Markenhersteller und Verpackungsproduzenten verstärkt in geschlossene Kreisläufe investieren, um ihre Abhängigkeit von instabilen Primärrohstoffmärkten zu verringern.

 

Materialverschiebungen und zirkuläre Innovationen

Ein wesentlicher Aspekt hierbei ist der beschleunigte Wechsel zwischen den Materialarten. Glas, dessen Herstellung extrem erdgasabhängig ist, wurde in einigen Segmenten durch leichtere und besser recycelbare Alternativen ersetzt. Gleichzeitig hat der Mangel an Zellstoff aus Osteuropa die Papierpreise nochmals in die Höhe getrieben, was die Notwendigkeit unterstrich, Recyclingquoten für Papier und Kartonagen nicht nur aus Nachhaltigkeitsgründen, sondern zur Sicherung der Verfügbarkeit zu erhöhen.

Der Fokus verschiebt sich dabei weg von „Downcycling“ hin zu echten zirkulären Lösungen. Die Industrie erkennt, dass ein bloßes Recyceln am Ende des Lebenszyklus nicht ausreicht. Stattdessen gewinnt das Konzept des „Refill & Reuse“ an Bedeutung. Geopolitische Instabilität wirkt hier als Beschleuniger für Pilotprojekte, die zuvor oft an der Bequemlichkeit der Konsumenten oder an logistischen Kosten scheiterten: Wenn die Kosten für Einwegverpackungen durch Rohstoffsteuern und Energiekosten steigen, werden Mehrwegsysteme plötzlich wettbewerbsfähig.

 

Regulatorischer Druck und der EU-Aktionsplan

Die politische Reaktion auf die Krisen untermauert die Transformation zusätzlich: Die Europäische Union hat mit ihrer Verordnung über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWR) ehrgeizige Ziele gesetzt, die durch die Energiekrise an Dringlichkeit gewonnen haben. Gesetzliche Vorgaben zur Rezyklat-Einsatzquote zwingen Unternehmen dazu, in hochwertige Recycling-Technologien zu investieren. Der Krieg hat verdeutlicht, dass eine strategische Autonomie Europas nur durch eine funktionierende Kreislaufwirtschaft erreicht werden kann, in der Abfall als wertvolle heimische Ressource betrachtet wird.

Besonders im Bereich der Kunststoffe zeigt sich eine interessante Entwicklung. Während die Branche lange Zeit auf billiges fossiles Ausgangsmaterial setzte, machen die volatilen und zuletzt stark gestiegenen Ölpreise mechanisches und chemisches Recycling attraktiver. Die Investitionen in Infrastrukturen zur Sortierung und Aufbereitung haben massiv zugenommen, da Unternehmen langfristige Abnahmeverträge für Rezyklate schließen, um Preissicherheit zu gewinnen.

 

Die Rolle der Technologie und digitaler Pässe

Das alles trifft auch auf die Digitalisierung der Lieferkette zu: Um zirkuläre Modelle skalierbar zu machen, bedarf es einer präzisen Verfolgung der Materialien. Digitale Produktpässe und QR-Codes auf Verpackungen ermöglichen es, Informationen über Materialzusammensetzung und Recyclingfähigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu kommunizieren. Diese technologische Aufrüstung wird durch den Wunsch getrieben, die Effizienz zu steigern und gleichzeitig die Transparenz gegenüber den Endverbrauchern zu erhöhen, die zunehmend kritisch hinterfragen, woher ihre Verpackungen stammen und wie sie entsorgt werden.

 

Wirtschaftliche Resilienz als neues Leitmotiv

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Übergang zu zirkulären Verpackungsmodellen nicht länger nur als Teil der Corporate Social Responsibility (CSR)-Strategie gesehen wird. Er ist zu einer Kernstrategie für die wirtschaftliche Resilienz geworden. Der Krieg zwischen den USA und dem Iran hat als brutaler Weckruf fungiert: Die Ära billiger, grenzenloser Rohstoffe und stabiler Energiekosten ist vorbei.

Unternehmen, die bereits frühzeitig auf zirkuläres Design gesetzt haben – also Verpackungen so entwerfen, dass sie mit minimalem Energieaufwand wiederverwendet oder stofflich verwertet werden können –, kommen deutlich besser durch die aktuellen Krisenzeiten. Die Fähigkeit, Materialien im Kreislauf zu halten, schützt vor Preisschwankungen und Lieferstopps.

Selbst bei einer Befriedung der aktuellen Konflikte werden die aufgebauten zirkulären Infrastrukturen und die veränderten Design-Philosophien bestehen bleiben. Die jüngsten Krisen haben den Zeitplan für die globale Transformation der Verpackungsindustrie um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte verkürzt. Was als Reaktion auf Mangel begann, entwickelt sich nun zu einem neuen Industriestandard, der Effizienz, Souveränität und Nachhaltigkeit miteinander versöhnt.

 

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