KI-Agenten retten Leben

Beitrag von Dr. Dietmar Müller

Chefredakteur Beyond Buzzwords

20. Februar 2026

Ein weiteres Beispiel aus der Praxis zeigt, wie agentic AI funktioniert: Vom Fraunhofer IAIS, der Telekom und Kliniken der Stadt Köln entwickelte KI-Agenten bieten Unterstützung im Schockraum. Sie liefern zugleich die Blaupause für hochsichere KI-Lösungen in den AI Foundation Services.

Im Notfall-Eingriffsraum in Kliniken, dem sogenannten Schockraum, kümmern sich Ärzte und Pflegekräfte um die schnelle und sichere Versorgung von Schwerstverletzten. Das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS, das Krankenhaus Merheim und die Deutsche Telekom entwickeln seit Herbst vergangenen Jahres anhand von Schockraum-Simulationen eine KI-gestützte Live-Anzeige. Die Anwendung soll im sogenannten Cloud-Edge-Kontinuum direkt im Krankenhaus auf eigenen Rechnern ohne Verbindung zum Internet oder über die Cloud betrieben werden. 

Und so funktioniert sie: Während der Übergabe der Patienten vom Rettungsdienst an das Schockraum-Team, im Verlauf des Behandlungsprozesses im Schockraum und bei der Übergabe von Patienten an die Intensivstation oder den OP werden sämtliche medizinisch relevanten Informationen verbal kommuniziert. Diese Informationen werden von Agenten aufgezeichnet, ausgetauscht und verarbeitet, während Diagnostik und Therapie parallel ablaufen. 

Behandlungen folgt dem sogenannten ABCDE-Schema, Lebensbedrohliches wird zuerst adressiert: Atemwege (Airways), Beatmung (Breathing), Kreislauf (Circulation), neurologisches Defizit (Disability), erweiterte Informationen (Exposure). Die KI erkennt, welche Befunde, Maßnahmen und Entscheidungen genannt werden. Spricht der Arzt von einem „grobblasigen Rassel-Geräusch“ bei der Atmung, ermittelt der KI-Agent die Kategorie und erstellt ein Live-Bild in Ampellogik nach dem ABCDE-Schema. Darüber hinaus überführt der KI-Agent die Daten automatisch in die Formulare für Dokumentation und Qualitätssicherung.

„Mit der Entwicklung eines vielseitig einsetzbaren Multi-Agenten-Frameworks und seiner Anpassung an die Anforderungen in der Notfallmedizin schaffen wir die Grundlage für eine Entlastung des Personals bei der Versorgung Schwerstverletzter. Wichtige Bausteine dafür sind eine gut durchdachte Systemarchitektur, die Einbindung vertrauenswürdiger Komponenten für Sprachverarbeitung und Datenmanagement sowie die Edge-Fähigkeit für den Betrieb direkt vor Ort“, sagt Stefan Rüping, Abteilungsleiter am Fraunhofer IAIS. 

Cloud-Edge-Infrastrukturen

Die Lösung entsteht im Rahmen des europäischen Förderprogramms IPCEI-CIS, das drauf abzilt, ein „Multi-Provider Cloud-Edge Kontinuum“ zu schaffen: Eine vernetzte, souveräne digitale Infrastruktur für Europa von Europa. Ziel ist eine standardisierte, übertragbare Infrastruktur im Cloud-Edge-Kontinuum. 

Das System verfügt über eine erhebliche Resilienz gegenüber Infrastruktur-Ausfällen, weil es sowohl lokal als auch offline über den Super-Minicomputer DGX Spark von Nvidia ebenso wie über die AI Foundation Services in der Open Telekom Cloud (OTC) betrieben werden kann. Schlüsselkomponenten des Systems wie der modulare Software-Baukasten für KI-Lösungen, das Edge-Agent-Framework, die schlanken KI-Modelle sowie automatisierte Workflows für Datenverarbeitung und Training können bei der Entwicklung anderer KI-Agenten-basierter Cloud-Edge-Infrastrukturen „wiederverwendet“ werden.

Prototyp kommt im Sommer 2026

„Indem wir medizinisches Fachwissen und realistische Schockraum-Simulationen einbringen, verzahnen wir Forschung und Praxis und tragen dazu bei, dass KI-Agenten im Schockraum künftig einen spürbaren Fortschritt für die Notfallversorgung bringen könnten“, ergänzt Jerome Defosse, Leitender Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin der Kliniken der Stadt Köln.

„Unser KI-Agent für die Notfallmedizin hat auch für andere Branchen Vorbildcharakter. Mit dieser praxisnahen Lösung zeigen wir den Nutzen souveräner digitaler Infrastruktur für die Wirtschaft und das Gemeinwohl“, fügte Ferri Abolhassan, CEO T-Systems und Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG, hinzu.

Das Bundeswehrkrankenhaus Berlin und das Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf unterstützen das Projekt in einer beratenden Rolle. Ein vor Ort im Krankenhaus laufender Prototyp, der auch offline voll funktionsfähig ist, soll voraussichtlich im Sommer 2026 einsatzfähig sein.

 

 

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