Die Fabrik von morgen benötigt KI mit Köpfchen

Beitrag von Dr. Dietmar Müller

Chefredakteur Beyond Buzzwords

09. Januar 2026

Künstliche Intelligenz verändert Wirtschaft und Arbeit schneller, als viele Unternehmen Schritt halten können. Doch die größte Herausforderung liegt oft nicht in der Technologie selbst, sondern im Umgang mit ihr, zeigt eine neue Studie der TU Darmstadt.


Viele Unternehmen verfügen zwar über ambitionierte Strategien zur Einführung der künstlichen Intelligenz (KI), der Aufbau der dafür notwendigen Kompetenzen gerät aber oft schnell ins Stocken. Das ist die erste Erkenntnis aus einer ganz frischen Studie mit dem Titel “The AI literacy development canvas: Assessing and building AI literacy in organizations”, die Professor Alexander Benlian von der Technischen Universität Darmstadt gemeinsam mit Marc Pinski von der Boston Consulting Group vorgelegt hat. Der ehemalige Dozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München und zeitweilige Berater bei McKinsey ist seit 2012 Direktor des dortigen Stiftungslehrstuhls für Information Systems & Electronic Services.

Auf Basis zahlreicher Interviews und Workshops in der Industrie entwickelten die beiden Forscher zwei praxisorientierte Werkzeuge: die KI-Kompetenz-Matrix, mit der sich der Status quo auf verschiedenen Ebenen im Unternehmen erfassen lässt, und das KI-Kompetenz-Canvas, ein Planungsinstrument, das Lernziele, Zielgruppen, Ressourcen und Erfolgskriterien strukturiert zusammenführt.

Eine Fallstudie aus der Pharmaindustrie verdeutlicht, wie dies in der Praxis funktioniert: Das Unternehmen nutzte die Matrix, um Kompetenzlücken zwischen Management, mittlerer Führungsebene und operativen Mitarbeitenden sichtbar zu machen. Anschließend half das Canvas, gezielte Lernpfade zu entwickeln – von Executive-Briefings für Führungskräfte über interaktive Simulationen für das mittlere Management bis zu praxisnahen Tool-Trainings für Mitarbeitende.

Um den Einsatz des Canvas zu vereinfachen, entwickelten Benlian und Pinski außerdem ein Vorgehensmodell, das Unternehmen Schritt für Schritt durch den Prozess führt – von der Bestandsaufnahme über die Initiierung und Konzeption bis zur Implementierung und kontinuierlichen Verbesserung. Dieses 5I-Modell (Identify, Initiate, Ideate, Implement, Iterate) beschreibt, wie KI-Kompetenzprogramme pragmatisch aufgebaut, verankert und regelmäßig überprüft werden können.

Die Ergebnisse zeigen: Unternehmen, die KI-Kompetenz als dauerhafte Organisationsfähigkeit begreifen und sie über alle Ebenen hinweg fördern, erzielen eine schnellere und nachhaltigere Einführung von KI-Systemen. „Wer KI-Kompetenz ganzheitlich denkt, kann Vertrauen und Effizienz zugleich steigern“, so Benlian.

Mit dem Canvas, der Matrix und dem Vorgehensmodell bietet die Studie erstmals ein praxiserprobtes Rahmenwerk für Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden befähigen wollen, KI produktiv und verantwortungsvoll einzusetzen. Sie liefert zugleich Impulse für Politik und Bildung, KI-Kompetenz als zentrale Zukunftsfähigkeit zu begreifen – vergleichbar mit digitaler oder finanzieller Bildung.

„KI-Kompetenz ist mehr als technisches Wissen“, betont Benlian. „Sie umfasst auch die Fähigkeit, KI-Ergebnisse kritisch zu bewerten, ethisch zu reflektieren und sie verantwortungsvoll in Entscheidungen einzubinden.“

Alexander BenlianZum Studienautoren

Professor Alexander Benlian ist neben den genannten Rollen auch Fakultätsmitglied an der Goethe Business School, Frankfurt, und unterrichtet MBA-Kurse im Master of Digital Transformation Management. Fasziniert von der transformativen Kraft digitaler Innovationen, untersucht er die Rolle des algorithmischen Managements in sich entwickelnden Unternehmenslandschaften, von traditionellen bis hin zu Plattformorganisationen. Seine Forschung umfasst auch die digitale Metamorphose des Arbeitsplatzes und die kollaborative Dynamik zwischen Menschen und KI.

Benlian hat in mehreren Forschungs- und Beratungsprojekten mit Wissenschaftlern und Unternehmen auf der ganzen Welt zusammengearbeitet. Er ist auch ein engagierter Trainer für Entrepreneurship, der im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) regelmäßig Workshops in Entwicklungsländern gibt, um Programme zur wirtschaftlichen Entwicklung und Schaffung von Arbeitsplätzen zu unterstützen.

Seine Forschungsergebnisse wurden in führenden akademischen und praxisorientierten Fachzeitschriften veröffentlicht, laut nationalen und internationalen Forschungsrankings gehört er regelmäßig zu den besten 1 Prozent der Wirtschaftsinformatiker weltweit.

 

 

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