Prof. Dr. Guido Quelle ist eine herausragende Persönlichkeit der deutschen Beratungs- und Managementlandschaft, insbesondere als Experte für Unternehmenswachstum und Transformation. Im Interview erläutert er, wann ein Buzzword zum Hype wird und welche Trends sich durchsetzen werden.
Beyond Buzzwords: Herr Prof. Quelle, welchen Hype haben Sie in Ihrer Karriere mitgemacht, obwohl er Sie eigentlich genervt hat?
Prof. Quelle: Die Frage ist ja die folgende: Wann ist ein Hype ein Hype und wann ist er keiner mehr? Wenn er verflogen ist? Oder wenn er sich als Standard etabliert hat? War das Smartphone, als es aufkam, ein Hype? Waren Palm, Blackberry und andere vorher schon ein Hype? Oder erst das iPhone? Heute ist das iPhone beziehungsweise das Smartphone kein Hype mehr, sondern etabliert. Der Luxus von heute ist eben der Standard von morgen, zumindest in marktwirtschaftlichen Systemen. Wie auch immer wir „Hype“ definieren, ich kann mich an keinen erinnern, den ich mitmachte, obwohl er mich nervte. Warum sollte ich?
Gab es in Ihrer Karriere jemals einen Hype, den Sie so sinnlos fanden, dass Sie ihn nicht mitgemacht haben?
Ich bin bei diesen sogenannten Hypes in meinem Beruf, bei dem sich Hypes oft in Methoden verstecken, immer kritisch, weil sie oft keine Substanz haben, kurzlebig sind und keinen echten Beitrag leisten. Daher schaue ich auch in der Beratung, immer hinter den Hype. Beispiele?
1990er Jahre: Business Process Reengineering: Was steckt dahinter, warum fehlt der Faktor „Mensch“ dort? Oder Qualitätsmanagement: Wie kann man es nutzen, statt dass es nur Formalismus erzeugt?
In den 2000er Jahren: Balanced Scorecard: Was steckt dahinter, was kann man gebrauchen, was ist überflüssig? Gleiches heute: Design Thinking, Agilität, Resilienz. Schöne Methoden, aber was steckt dahinter? Nicht selten bleiben sie Buzzwords.
Eine Methode muss sich immer dem Ziel unterordnen. Die Frage ist: Was wollen wir erreichen und wie kommen wir am schnellsten dahin? Die Frage ist nicht: Wie setzen wir die Methode am besten ein? Und: Managementmethoden sind meist keine Trends im engeren Sinn. Ich bin diesbezüglich grundskeptisch. Sie kommen in Wellen wieder – aber die zugrunde liegenden Probleme bleiben gleich.
Gab es Hypes, die sich für Sie im Nachhinein als doch wertvoll herausgestellt haben – obwohl Sie anfangs skeptisch waren?
Da muss ich lachen: Ich hätte als junger Erwachsener nicht gedacht, dass sich die CD gegenüber der Schallplatte durchsetzt. Heute sind wir schon mindestens zwei Innovationsstufen weiter.
Welcher Hype bzw. welches Buzzword nervt Sie aktuell und warum?
Work-Life-Balance. Das Wort ärgert mich. Das Wort trennt, was im Leben zusammengehört. Es suggeriert, dass es „Arbeit“ (Work) und „Leben“ (Life) gäbe. Work-Life-Balance vermittelt damit den Eindruck, dass man „Work“ minimieren müsse, um „Life“ zu haben. Arbeit als etwas, das, wie eine Grippe, unbedingt vermieden werden muss, kann aber weder Ziel noch Zukunft sein. Für viele ist die Arbeit mehr als ein Broterwerb. Sie ermöglicht die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, mit der Lebenserfahrungen gemacht und geteilt werden und in der vielfach Sinn gefunden wird. Wir alle haben unterschiedliche Rollen: Eltern, Paten, Mitarbeiter, Chef, Freund, was auch immer. Diese Rollen gilt es, zu balancieren in unserem Leben. Ich präferiere „Life Balance“.
Welches Thema hätte es verdient, zum Buzzword/Hype zu werden, aber von der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert wird?
Keines. Ich mag keine Hypes und auch keine Buzzwords. Wobei … Ich habe einen meiner montäglichen Wachstums-Wochenstarts seinerzeit genutzt, um einen meiner Auffassung zufolge wesentlich unterschätzten Megatrend zu beleuchten: Transparenz. Sichtbar wird Transparenz schon heute etwa in Lieferketten, ESG-Reporting, Echtzeit-Datenzugang oder Bewertungsplattformen oder Gehaltstransparenz. Das ist aber kein „Hype“, sondern eben ein Megatrend – und wie jeder Trend hat auch dieser Licht und Schatten.
Wie gehen Sie heute mit neuen Trends um, aktuell ist es ja die KI und ihre Agenten.
Es gibt „die KI“ gar nicht. KI ist kein einzelnes System, sondern ein Sammelbegriff für unterschiedliche Technologien. Ich bin Diplom-Informatiker und habe mich bereits im Studium mit Neuronalen Netzen, Machine Learning und Künstlicher Intelligenz auseinandergesetzt – theoretisch, in Modellen, denn die Rechnerleistungen waren weit von heute entfernt. KI verändert heute schon unser Leben und wird in den nächsten Jahren noch stärker Einfluss nehmen. Aber auch in weiteren Bereichen des Lebens gibt es disruptive Entwicklungen, denken Sie an die Felder Umwelt, Energie, Lebensentwürfe, Bildung.
Als Wachstumsexperte ist es mir und auch meinen Kollegen wichtig, Trends zu erkennen, sie einzuordnen und mit unseren Klienten über die Relevanz der Trends zu sprechen. Es gehört mehr zu unserer Beratung als nur betriebswirtschaftliche oder projekt- oder prozessorientierte Fragen zu lösen. Wir sprechen über Strategie und da haben gesellschaftliche Trends eine ebenso große Bedeutung wie technologische. Das wird gern übersehen. Geschäftsmodelle sind eben nicht nur technisch-rational. Trends sind für unseren Beruf als Berater also hochrelevant, wobei nicht jeder Trend für unsere Klienten relevant ist. Man muss auch aufpassen, wer irgendetwas als „Trend“ ausruft.
Ist der Hype um AI bereits auf seinem Höhepunkt angekommen oder dürfen wir noch mehr erwarten?
Wir dürfen viel mehr erwarten. Und irgendwann ist auch der Hype um KI kein Hype mehr, weil KI in unserem Leben als Routine angekommen sein wird. Sagen Sie heute noch „Ich gehe ins Internet“? Eben.
Was besonders relevant werden wird, ist die Diskussion darum, wie KI und Ethik miteinander verbunden wird. Es wird wichtig, wie selbstständig KI tatsächlich sein darf. In Experimenten haben KI-System bereits den Abbruch eines Prozesses verweigert, obwohl der Benutzer ihn gefordert hat. Was kommt dann? Trotz aller Herausforderungen, erforderlicher Begrenzungen und Bedenken ist es wichtig, dass wir erst die Chancen sehen und nicht erst die Risiken. Sonst sind wir in Europa direkt wieder im Hintertreffen, denn in den USA und in China werden erst die Chancen gesehen.
Was wird aus Ihrer Sicht das nächste große Buzzword bzw. der nächste große Hype?
Ich beschäftige mich weniger mit Prognosen als mit Wirkung – entscheidend ist nicht das nächste Buzzword, sondern was davon Substanz hat.
Über den Autor
Prof. Dr. Guido Quelle ist geschäftsführender Gesellschafter und Hauptgesellschafter der Mandat Managementberatung GmbH mit Hauptsitz in Dortmund und weiteren Büros in London und New York. Er gilt seit über 30 Jahren als einer der führenden deutschen Vordenker für gesundes, profitables Unternehmenswachstum und wachstumsorientierte Transformation. Er wird oft als "Der Wachstumstreiber" oder "Wachstumsflüsterer" bezeichnet. Mit seinem Team hat er mehr als 250 nationale und multinationale Klienten in über 500 Beratungsprojekten beim Wachstum begleitet.
Quelle ist Honorarprofessor an der SRH Hochschule NRW in Hamm für Management und Entrepreneurship. Er lehrt zudem als Honorardozent Strategisches Management an der International School of Management (ISM) in Dortmund.
Der studierte Informatiker ist Autor und Co-Autor von über 18 Büchern und mehr als 400 Fachartikeln. Seine Publikationen drehen sich hauptsächlich um Strategien für profitables Wachstum, die Führung wachsender Organisationen und das Lösen interner Wachstumsbremsen.