Die Debatte um Manufacturing-X, Catena-X und Datensouveränität wird oft sehr theoretisch geführt. Doch wie sieht die konkrete Umsetzung in einem mittelständischen Industrieunternehmen aus? Der Antriebsspezialist Wittenstein SE zeigt als Pionier, wie ein Nischenhersteller von Präzisionsgetrieben die Verwaltungsschale und offene Datenräume nutzt, um den Digitalen Produktpass vollautomatisiert bereitzustellen.
Die Wittenstein SE, ein weltweit agierender Spezialist für cybertronische Antriebstechnologie und hochpräzise Planetengetriebe, steht exemplarisch für die Herausforderungen des gehobenen deutschen Mittelstands. Die Produkte des Unternehmens finden sich sowohl in komplexen Sondermaschinen als auch in den Produktionsstraßen der Automobilindustrie wieder. Mit dem Herannahen des Digitalen Produktpasses der Europäischen Union sah sich das Unternehmen mit einer rasant steigenden Zahl von Kundenanfragen konfrontiert, die detaillierte, transparente Daten über die verbauten Komponenten einforderten. Automobilhersteller verlangen die CO₂-Bilanz des Getriebes für ihre Catena-X-Lieferkette, während Maschinenbetreiber exakte Geometriedaten, Wartungsintervalle und Leistungsdaten fordern, um ihre Gesamtanlageneffektivität zu optimieren.
Für einen Mittelständler erzeugt diese Anforderung standardmäßig eine immense operative Last. Bislang bedeutete jede solche Anfrage das manuelle Zusammensuchen von Daten aus unterschiedlichen internen Silos – von der Konstruktion über den Einkauf bis zur Qualitätssicherung – und das anschließende händische Befüllen von Kundenportalen oder Excel-Tabellen. Zudem berühren detaillierte Leistungs- und Materialdaten den Kern des geschäftskritischen Know-hows. Würde Wittenstein diese Daten unkontrolliert und unverschlüsselt in proprietäre Plattformen der Kunden hochladen, bestünde das permanente Risiko, die eigene IP zu gefährden. Das Unternehmen entschied sich daher für einen radikalen, zukunftsorientierten Weg: die Etablierung einer souveränen Datenarchitektur auf Basis der Verwaltungsschale.
Die technologische Umsetzung: Der digitale Zwilling im Live-Einsatz
Das Herzstück der Praxisumsetzung bei Wittenstein ist die konsequente Digitalisierung des Produkts ab dem Moment der Fertigung. Jedes ausgelieferte Getriebe erhält ein unverwechselbares, physisches Typenschild mit einem DataMatrix-Code. Dieser Code ist der Schlüssel zum digitalen Zwilling der Komponente, der als standardisierte Verwaltungsschale in der Cloud-Infrastruktur von Wittenstein hinterlegt ist. Die Verwaltungsschale fungiert hierbei exakt als jene semantische Hülle, die wir als zweite Säule von Manufacturing-X definiert haben. Sie strukturiert die Daten so, dass sie für jedes externe System im Datenraum maschinenlesbar und interpretierbar sind.
In dieser digitalen Hülle sind die Daten in verschiedenen, logisch voneinander getrennten Teilmodellen organisiert:
- Ein Teilmodell für die Stammdaten und die digitale Identität des Getriebes.
- Ein Teilmodell für die technische Dokumentation und die Zertifikate.
- Ein spezifisches Teilmodell für die Nachhaltigkeitsdaten, den Product Carbon Footprint (PCF).
Wenn das Getriebe nun beim Kunden – beispielsweise in einer automatisierten Fertigungszelle eines Automobilzulieferers – verbaut wird, kann die Steuerung der Anlage oder das übergeordnete MES den DataMatrix-Code scannen. Über standardisierte Protokolle fragt das Kundensystem die benötigten Informationen direkt von der Verwaltungsschale ab. Der Datentransfer erfolgt vollautomatisch, in Echtzeit und ohne dass ein Mitarbeiter bei Wittenstein manuell eingreifen muss.
Wahrung der Datensouveränität beim Kundenkontakt
Der entscheidende Durchbruch bei diesem Praxisfall liegt in der technologischen Durchsetzung der Datensouveränität. Wittenstein behält zu jedem Zeitpunkt die absolute Kontrolle darüber, welcher Kunde welche Tiefe an Informationen aus der Verwaltungsschale extrahieren darf. Dies wird durch die softwareseitige Verknüpfung der Verwaltungsschale mit den Prinzipien des IDSA-Konnektors realisiert. Fragt ein Betreiber Daten ab, verhandeln die Systeme im Hintergrund automatisiert die Nutzungsrechte.
Ein Automobilhersteller, der den CO₂-Fußabdruck für die gesetzliche Compliance seines Fahrzeugs benötigt, erhält über den gesicherten Datenraum exklusiv Zugriff auf das Nachhaltigkeits-Teilmodell. Die tieferliegenden, sensiblen Engineering-Daten über die exakte Zahnradgeometrie oder Werkstoffhärtung bleiben für ihn komplett gesperrt. Umgekehrt kann ein strategischer Partner im Maschinenbau, mit dem eine tiefe Entwicklungskooperation besteht, temporäre Rechte erhalten, um vorausschauende Wartungsdaten und Vibrationscharakteristiken auszulesen, um die Maschine optimal auszulasten. Die Daten verbleiben physisch auf den Servern von Wittenstein und werden nur für den exakt definierten Nutzungszweck gestreamt. Die Gefahr eines unkontrollierten Datenabflusses an Wettbewerber ist damit technisch ausgeschlossen.
Der messbare Mehrwert und die Vorbildfunktion für den Mittelstand
Der Praxisfall Wittenstein demonstriert eindrucksvoll, dass Manufacturing-X und das Prinzip der Shared Sovereignty keine theoretischen Luxusprobleme für Großkonzerne sind, sondern handfeste wirtschaftliche Vorteile für den Mittelstand generieren. Durch das Teilen standardisierter Infrastrukturen, Datenmodelle und Sicherheitskonzepte im Sinne einer echten Shared Sovereignty muss das Unternehmen keine eigenen Schnittstellen für jeden einzelnen Großkunden entwickeln.
Durch die automatisierte Bereitstellung des Digitalen Produktpasses über die Verwaltungsschale hat das Unternehmen den administrativen Aufwand für die Beantwortung von Kunden-Datenanfragen drastisch reduziert. Gleichzeitig positioniert sich der Antriebsspezialist als bevorzugter, zukunftssicherer Partner in modernen Lieferketten: Wer heute schon in der Lage ist, seine Komponenten nahtlos und konform in Datenräume wie Catena-X oder smartMA-X einzubringen, sichert sich einen erheblichen Marktvorteil gegenüber Wettbewerbern, die noch mit manuellen Datenblättern arbeiten.
Für den industriellen Mittelstand liefert dieses reale Szenario eine wertvolle Blaupause. Es beweist, dass der Einstieg in die Datenökonomie nicht den Aufbau gigantischer, unbezahlbarer IT-Infrastrukturen erfordert. Indem Wittenstein auf das Modell der Shared Sovereignty, offene Standards, dezentrale Gateways und die modulare Struktur der Verwaltungsschale gesetzt hat, konnte das Projekt agil und schrittweise umgesetzt werden. Das Familienunternehmen zeigt, dass Datensouveränität der Schlüssel ist, um die unweigerlich kommende regulatorische Pflicht zur Transparenz mutig anzunehmen und gleichzeitig das wertvollste Gut des deutschen Mittelstands – das technologische Prozesswissen – kompromisslos zu schützen.
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