Welche Unternehmen betrifft der digitale Produktpass?

Beitrag von Dr. Dietmar Müller

Chefredakteur Beyond Buzzwords

08. Mai 2026

Von der Einführung des Digitalen Produktpasses sind nicht nur die großen Hersteller von Konsumgütern betroffen, sondern die gesamte Breite der industriellen Wertschöpfung, vom Rohstofflieferanten über den Zwischenhändler bis hin zu spezialisierten Akteuren im Baugewerbe und der Lebensmitteltechnologie.


Die Europäische Kommission verfolgt bei der Einführung des Digitalen Produktpasses (DPP) einen schrittweisen Ansatz, bei dem besonders ressourcenintensive Branchen priorisiert werden. Ganz oben auf der Liste stehen Batterien, Textilien, Eisen und Stahl sowie Aluminium. Auch elektronische Geräte und Chemikalien gehören zu den ersten Sektoren, für die spezifische Anforderungen definiert werden.

Für Unternehmen in diesen Bereichen bedeutet dies einen erheblichen Handlungsdruck, da sie bereits ab 2027 mit ersten verbindlichen Pflichten konfrontiert werden. Hersteller von Elektrofahrzeugen oder industriellen Speichersystemen müssen beispielsweise nachweisen, woher ihre Rohstoffe stammen und wie hoch der CO₂-Fußabdruck ihrer Produktion ist. Diese Transparenzpflicht strahlt unmittelbar auf alle Zulieferer in der Kette aus, da der Endhersteller den digitalen Pass nur dann vervollständigen kann, wenn ihm die notwendigen Daten von seinen Partnern rechtzeitig und in standardisierter Form übermittelt werden.

Radikaler Wandel im Baugewerbe und der Immobilienwirtschaft

Ein Sektor, der oft unterschätzt wird, aber massiv vom DPP betroffen ist, ist das Baugewerbe. Gebäude sind für einen erheblichen Teil des weltweiten Ressourcenverbrauchs und der CO₂-Emissionen verantwortlich. Der Digitale Produktpass wird hier zu einem unverzichtbaren Werkzeug für das Building Information Modeling (BIM). Architekten, Planer und Bauherren müssen künftig genau wissen, welche Materialien in einem Gebäude verbaut wurden, um deren Wiederverwendbarkeit am Ende der Nutzungsdauer sicherzustellen.

Das betrifft Hersteller von Bauelementen wie Fenstern, Türen, Fassadenteilen oder Dämmstoffen gleichermaßen. Der DPP fungiert im Bauwesen als „Materialtagebuch“, das den Wert der verbauten Ressourcen sichert. Unternehmen, die heute bereits in digitale Zwillinge ihrer Produkte investieren, sichern sich einen entscheidenden Vorsprung bei der Ausschreibung nachhaltiger Bauprojekte, da die Dokumentation der Kreislauffähigkeit zunehmend zum harten Auswahlkriterium wird.

Herausforderungen für KMU und den Handel

Obwohl die Verordnung primär die „Inverkehrbringer“ adressiert, betrifft sie in der Praxis auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie den reinen Handel. Wer Produkte aus Drittstaaten importiert und in der EU vertreibt, gilt rechtlich als Hersteller und trägt die volle Verantwortung für die Bereitstellung des Digitalen Produktpasses. Händler müssen sicherstellen, dass die von ihnen verkauften Waren über einen gültigen und abrufbaren Pass verfügen. Dies erfordert neue Prozesse in der Wareneingangskontrolle und im Stammdatenmanagement.

KMU, die als Zulieferer für große Industriekonzerne fungieren, geraten indirekt unter Druck: Sie werden von ihren Kunden aufgefordert, detaillierte ökologische Profile ihrer Komponenten zu liefern. Wer diese Daten nicht bereitstellen kann, riskiert, aus der Lieferkette ausgeschlossen zu werden. Der DPP wird somit zu einer neuen Form der Markteintrittsbarriere, bei der digitale Kompetenz ebenso wichtig wird wie die Produktqualität.

Spezialfall Lebensmitteltechnologie und Maschinenbau

Auch Branchen wie die Lebensmitteltechnologie und der klassische Maschinenbau müssen sich auf den DPP vorbereiten, wenngleich Lebensmittel selbst teilweise anderen Kennzeichnungsregeln unterliegen. Doch die Maschinen und Anlagen, die diese Lebensmittel verarbeiten, fallen voll unter die Ökodesign-Richtlinien. Hersteller von Prozessanlagen müssen künftig Informationen über die Energieeffizienz, die Instandhaltung und die Recyclingfähigkeit ihrer Maschinen digital bereitstellen.

Dies führt zu einer vernetzten Zukunft, in der die Maschine selbst über Sensoren Daten an den Produktpass sendet, um beispielsweise Wartungsintervalle zu optimieren oder den Austausch verschlissener Teile zu dokumentieren. Die Vernetzung der gesamten Fabrikumgebung wird somit zur technischen Voraussetzung, um die regulatorischen Anforderungen an den DPP dauerhaft zu erfüllen und gleichzeitig die Effizienz der Produktion zu steigern.

Die Rolle der Software-Anbieter und Dienstleister

In der Konsequenz betrifft der DPP auch eine wachsende Branche von Software-Entwicklern und IT-Dienstleistern. Da die manuelle Erstellung von Produktpässen bei Tausenden von Artikeln unmöglich ist, benötigen Unternehmen automatisierte Lösungen, die Daten aus ERP-, PIM- und PLM-Systemen extrahieren und in das geforderte EU-Format überführen.

Anbieter von Unternehmenssoftware müssen ihre Systeme so anpassen, dass sie die Interoperabilität mit den europäischen Datenbanken gewährleisten. Es entsteht ein völlig neues Ökosystem für das Datenmanagement, in dem die Souveränität über die eigenen Informationen gewahrt bleiben muss, während gleichzeitig die gesetzlich geforderte Offenheit gegenüber Behörden und Verbrauchern garantiert wird. Dies betrifft auch Prüforganisationen, die künftig die Richtigkeit der im DPP hinterlegten Angaben zertifizieren müssen.

Strategisches Fazit für die Unternehmensführung

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Digitale Produktpass nahezu kein Unternehmen in Europa unberührt lässt. Er ist das digitale Rückgrat der Kreislaufwirtschaft und macht ökologische Verantwortung zu einer messbaren und kontrollierbaren Größe. Unternehmen sollten den DPP nicht als bürokratische Last, sondern als Chance begreifen, ihre internen Prozesse zu digitalisieren und ihre Lieferketten transparenter zu gestalten.

Die frühzeitige Auseinandersetzung mit den Anforderungen ermöglicht es, rechtzeitig die notwendigen IT-Strukturen aufzubauen und die Zusammenarbeit mit Lieferanten neu zu ordnen. Wer den DPP als strategisches Instrument nutzt, wird langfristig nicht nur die gesetzlichen Vorgaben erfüllen, sondern auch von einer höheren Ressourceneffizienz und einem gestärkten Kundenvertrauen profitieren. Der Digitale Produktpass ist letztlich der Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit in einem Markt, der Nachhaltigkeit und Digitalisierung untrennbar miteinander verknüpft.

 

Die Berater von Proalpha und der Technologie-Initiative SmartFactory KL e.V. mit Sitz in Kaiserslautern informieren Anwender gerne detaillierter zum Thema digitaler Produktpass, etwa wie das Zusammenspiel mit künstlich intelligenten Anwendungen funktioniert. 

 

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