„Viele IT-Anbieter overhypen ihre Technologien“

Beitrag von Dr. Dietmar Müller

Chefredakteur Beyond Buzzwords

01. Juni 2026

In einer langen Reihe von Interviews haben uns Geschäftsführer, Cheftechnologen und Professoren ihre Sicht auf Moden und Trends in der Welt der IT geschildert. Mit Neil Strobart, Chief Technology Officer bei Cloudian, haben wir heute auf Beyond Buzzwords endlich wieder einen weiteren Experten am Start. Sein Ratschlag: Unterschätze niemals die Fähigkeit von IT-Anbietern, alles zu overhypen!

Neil Stobart ist ein erfahrener IT-Stratege mit über 25 Jahren Erfahrung in der Speicher- und Systemarchitekturbranche. In seiner aktuellen Doppelrolle als CTO und Vice President für Global Systems Engineering verantwortet er die technologische Vision von Cloudian weltweit.

Er leitet die Entwicklung und Vermarktung von Cloudians Speicherlösungen, insbesondere des S3-kompatiblen Objektspeichers, und berät globale Unternehmen bei der Implementierung von Hybrid-Cloud-Strategien. Dabei fungiert er als technisches Bindeglied zwischen der Produktentwicklung und den globalen Vertriebs- und Partnernetzwerken.

Bevor er 2015 zu Cloudian stieß, war Stobart in verschiedenen leitenden technischen Funktionen bei namhaften Technologieunternehmen tätig, darunter Nexenta, Dell & Compellent sowie Hitachi Vantara. Neil Stobart ist regelmäßig als Sprecher auf internationalen Fachkonferenzen und in den Medien präsent, wo er über die ökonomischen Vorteile von Software-Defined Storage (SDS) und die Bewältigung wachsender Datenkomplexität in einer Post-Pandemie-Welt referiert.

Herr Strobart, welchen Hype haben Sie in Ihrer Karriere mitgemacht, obwohl er Sie eigentlich genervt hat?

Neil Strobart: Social Media! Die erste Berührung mit sozialen Medien hatte ich Ende der 1990er Jahre mit einer Website namens Friends Reunited, die eine unterhaltsame Möglichkeit bot, sich mit Schulfreunden zu vernetzen. Als Facebook startete, entwickelte sich das Ganze jedoch in eine völlig andere Richtung. Ich würde sagen, ich war wahrscheinlich etwa sechs Monate lang regelrecht süchtig danach, bevor ich bemerkte, wie viel Zeit mir verloren ging und welcher Unsinn zunehmend als Inhalt auftauchte. Umso gruseliger ist, wie fest soziale Medien und die verschiedenen Plattformen mittlerweile im Leben der Menschen verankert sind.

Kurz: Am Anfang hat es Spaß gemacht, aber inzwischen lehne ich es eher ab. Leider wird es immer schwieriger, digitale Dienste ohne Social-Media-Präsenz zu nutzen.

 

Gab es jemals einen Hype, den Sie so sinnlos fanden, dass Sie ihn nicht mitgemacht haben?

Als Infrastruktur-Experte konnte ich mich nie mit dem Hyper-Converged-Trend anfreunden. Rechenkomponenten und Storage in derselben Box anzusiedeln, klingt verdächtig nach Direct Attached Storage, das vor ein paar Jahrzehnten aus der Mode gekommen ist. Wenn man zusätzlichen Storage wollte, musste man zusätzliche CPUs kaufen und wenn man zusätzliche CPUs wollte, musste man mehr Storage kaufen.

 

Dann würden Sie die Hyper Converged Infrastructure (HCI) generell als nicht sinnvoll bezeichnen. Andere Teilnehmer dieser Interviewreihe haben sich tatsächlich komplett gegenteilig geäußert.

Es gab sicherlich einen Markt dafür bei kleinen Deployments und bestimmten Nischen-Workloads, aber es wurde als High-End-Lösung für gemischte Enterprise-Workloads übermäßig vermarktet. Ich bin ein überzeugter Verfechter der Trennung von Rechenkomponenten und Datenspeicher. Man muss sich nur ansehen, wie Infrastruktur heute bereitgestellt wird: Die Wachstumsrate der gesammelten und gespeicherten Daten hat die Anforderungen an Rechenleistung und den Bedarf an entsprechender Hardware längst übertroffen.

 

Gab es Hypes, die sich für Sie im Nachhinein als doch wertvoll herausgestellt haben – obwohl Sie anfangs skeptisch waren?

Nach dreißig Jahren in der IT-Welt habe ich viele Technologien kommen und gehen sehen. Manche setzen sich nie durch, andere schon, auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt vielleicht nicht die beste Technologie sind. Man sollte bei all dem niemals die Fähigkeit von IT-Anbietern unterschätzen, alles zu overhypen.

Ich habe meine IT-Laufbahn als Windows-NT-4.0-Engineer begonnen, arbeitete aber in einem Unternehmen mit Mainframes und verschiedenen UNIX-Systemen. Ziemlich schnell stieg die Nachfrage nach Windows-basierten Anwendungen aufgrund der einfachen Benutzeroberflächen stark an. Als Linux dann erstmals auftauchte, dachte ich wirklich, es würde eine Nischenlösung bleiben, vielleicht für Appliance-basierte Lösungen. Inzwischen hat es als Betriebssystem das Rechenzentrum jedoch weitgehend übernommen. Das hatte ich nicht kommen sehen.

 

Danke für diese ehrliche Antwort. Welcher Hype beziehungsweise welches Buzzword nervt Sie aktuell und warum?

Ganz klar Disaggregated Architecture! Weil es ein Begriff ist, den Marketingteams rein positiv darstellen, obwohl er in Wirklichkeit leicht zusätzliche Kosten und Komplexität verursachen kann.

 

Welches Thema hätte es verdient, zum Buzzword oder Hype zu werden, wird aber von der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert?

Da fällt mir vor allem Data Curation ein. Datenklassifizierung galt schon immer als schwierig und wurde beim Blick auf die TCO solcher Lösungen oft als nicht lohnenswert eingestuft. Das liegt insbesondere daran, weil unstrukturierte Daten in den meisten Fällen wenig nützlich sind. Mit LLMs, die multimodale Datensätze indexieren können, ist es uns jetzt allerdings möglich, in natürlicher Sprache Fragen zu stellen. So erschließen wir ungenutzten Wert aus allen vorhandenen Daten. Hochwertige, indexierte Daten liefern KI-Modellen die Informationen, die sie benötigen, um genaue und schnelle Antworten zu geben. Daher müssen Unternehmen sorgfältig überlegen, welche Daten sie in den KI-Prozess einspeisen.

 

Wie gehen Sie heute mit neuen Trends um? Aktuell sind es ja die KI und ihre Agenten.

Ich gehe in den Themenkomplexen KI und Agentic AI aktuell vollständig auf. Man muss immer berücksichtigen, welche Veränderungen in der Technologiewelt stattfinden, unabhängig davon, ob sie relevant werden oder nicht. Wie bereits gesagt, können manche überhypten Technologien wieder zurückkommen. Man sollte daher immer offen für neue Entwicklungen und potenzielle Use Cases bleiben.

 

Ist der Hype um KI bereits auf seinem Höhepunkt angekommen oder dürfen wir noch mehr erwarten?

Die KI-Revolution hat gerade erst begonnen. Obwohl der Hype riesig ist, warten die Menschen ja quasi schon darauf, dass die Roboter die Kontrolle übernehmen. Bis es soweit ist, wird die Allgemeinheit KI weiterhin als Hype betrachten. Künstliche Intelligenz hat jedoch wirklich das Potenzial, alles zu verändern – und beginnt es bereits auf sehr subtile Weise zu tun. Der technologische Fortschritt in diesem Bereich ist beispiellos und wird immer schneller. Wir nutzen inzwischen sogar KI, um die KI-Entwicklung zu beschleunigen.

 

Was wird aus Ihrer Sicht das nächste große Buzzword beziehungsweise der nächste große Hype?

Da kommt mir spontan Openclaw in den Sinn. Die Möglichkeit, auf einfache Weise einen eigenen persönlichen KI-Agenten zu bauen, wird die Welt im Sturm erobern. Vielleicht ist es aber auch schon, sobald das Interview veröffentlicht wird, ein alter Hut. Die KI-Welt bewegt sich eben sehr, sehr schnell.

 

Herr Stobart, wir danken für dieses aufschlussreiche Gespräch!


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