Europa hat Visionen: Ausblick auf die Industrie 5.0

Beitrag von Dr. Dietmar Müller

Chefredakteur Beyond Buzzwords

23. Januar 2026

Buzzword-Bingo: Nach Digitalisierung und Automatisierung durch die Industrie 4.0 sieht die Europäische Kommission eine neue Vision am Horizont heraufdämmern. Die Industrie 5.0 soll „nachhaltiger“ und irgendwie „menschenzentrierter“ sein. Brüssel hat noch mehr Worthülsen im Köcher.

Hypes und Trends beschäftigen Beyond Buzzwords naturgemäß und regelmäßig, etwa in unserer Interviewreihe mit IT-Promis. Aber auch die Europäische Kommission beschäftigt sich mit Modetrends, aktuell wäre das die Industrie 4.0. Zusätzlich blickt sie über den Tellerrand und stellte die Frage: Was wird wohl die Industrie 5.0 ausmachen?

Die Kommission hat auch gleich die Antwort parat, allerdings muss man bei der Lektüre einiges an Worthülsen aushalten: Die Industrie 5.0 ergänze den bestehenden Ansatz der Industrie 4.0, indem sie „Forschung und Innovation gezielt in den Dienst des Übergangs zu einer nachhaltigen, menschenzentrierten und widerstandsfähigen europäischen Industrie stellt“. Den Unternehmen komme dabei „eine aktive Rolle bei der Bereitstellung von Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen“ zu, zu diesen zählen die Politiker die Erhaltung von Ressourcen, den Klimawandel sowie die soziale Stabilität. Dafür sollen Kreislaufproduktionsmodelle begünstigt und Technologien unterstützt werden, die die Nutzung natürlicher Ressourcen effizienter gestalten. Das mache ganz nebenbei auch widerstandsfähiger gegen Schocks wie die Covid-19-Krise, so die Kommission.

Die Industrie 5.0 sei überhaupt gut für den Planeten, stärke aber auch die Position der Arbeitnehmer, indem es den sich wandelnden Qualifikations- und Weiterbildungsbedürfnissen Rechnung trage. Das wiederum erhöhe die Wettbewerbsfähigkeit der Branche und helfe, die besten Talente zu gewinnen. Um die Vision konkreter fassbar zu machen, verfolgt die Kommission in Bezug auf die Industrie drei Prioritäten: „Eine auf den Menschen ausgerichtete Wirtschaft“, der „Europäische Green Deal“ sowie ein Europa, das fit für das digitale Zeitalter ist.

Hört sich schwer nach Buzzword-Bingo an, gell? Warum das alles? Um die europäische Industrie erfolgreicher zu machen? Das darf angesichts der tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklung der EU und insbesondere Deutschland, das an der Vision natürlich maßgeblich beteiligt ist, mit Fug und Recht in Zweifel gezogen werden. Arbeitet man sich tiefer in die Vorstellungen der Kommission zur Industrie 5.0 ein, stößt man auf folgende Aussage:

„Um Industrie 5.0 zu einer treibenden Kraft des Wandels zu machen und Kapital und Wohlstand zu vereinen, sind massive öffentliche und private Investitionen sowie die richtigen Rahmenbedingungen erforderlich.“

In anderen Worten: Es wird viel Geld in Projekte fließen, die irgendwas mit Wandel und Menschenzentrierung und Digitalisierung zu tun haben, Hauptsache sie sind irgendwie „green“. Wohl dem (Politiker), der bereits heute in ein solches Projekt involviert ist, und sei es nur, dass er Aktien an entsprechend geförderten Unternehmen hält. Den deutschen Maschinenbauern und Fertigungsunternehmen ist im Hinblick auf eine so definierte Industrie 5.0 aber zu der Zurückhaltung zu raten, die sie bereits seit Jahrzehnten auszeichnet.

 

 

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