Wie muss man sich einen digitalen Produktpass in der Praxis vorstellen? Ein holländisches Unternehmen und eine chinesische Behörde haben den ersten Digital Product Passport (DPP) für Textilien zwischen China und Europa vorgestellt.
Das chinesische National Advanced Functional Fiber Innovation Center (NAFFIC) und die niederländische Plattform für Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette Aware haben gemeinsam den ersten digital Product Passport (DPP) für Textilien zwischen China und Europa entwickelt. Sie stellten ihn auf dem „Trace to Renew, Weave a Zero-Carbon Future“-Kongress in Suzhou, China, vor.
Der China-Europa-DPP verfolgt die gesamte Lieferkette für recyceltes Polyester, von in China gesammelten gebrauchten Plastikflaschen bis hin zu Flocken, die von der Sustainable Textiles Credible Platform (STCP) des NAFFIC verarbeitet und verifiziert werden. Von dort aus verfolgt er die Flocken, während sie von Jiangsu Reborn Eco-Tech zu Garn versponnen, anschließend von Wujiang City Chaodai Textiles zu Stoff gewebt und schließlich von Suzhou Qiandai Life Technology Development zu fertigen Kleidungsstücken verarbeitet werden. Diese fertigen Kleidungsstücke werden dann von der Werbetextilmarke Iqoniq verkauft. Jeder Schritt der Lieferkette wird in einer öffentlichen Blockchain erfasst, die unabhängig überprüfbar ist und Verbrauchern, Aufsichtsbehörden oder Marken durch das Scannen eines QR-Codes zugänglich ist.
Antwort auf die EU-Regulierung
Die China-Europa-DPP ist eine Reaktion auf die Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR) der Europäischen Union, die ab dem nächsten Jahr verbindliche DPPs für Textilien vorschreibt. Feico van der Veen, Gründer von Aware, erklärte, dass diese DPP Marken zwar bei der Einhaltung der ESPR unterstützen werde, er aber davon überzeugt sei, dass das System weltweit zu mehr Transparenz führen werde: „Dies ist nicht nur eine europäische Verordnung. Es handelt sich um eine Transformation globaler Lieferketten – und sie beginnt hier in China“, sagte er.
„Zum ersten Mal können chinesische Hersteller den Marken das bieten, was diese am dringendsten benötigen: einen unwiderlegbaren, durch die Blockchain verifizierten Nachweis darüber, was in ihrem Produkt enthalten ist und woher es stammt. Diese Daten liegen nicht in den Hauptverwaltungen der Marken vor – sie werden in den Fabriken erstellt. Wir können diese Daten handelbar machen.“
Technologie: Blockchain und Crypto TC
Das DPP-System von NAFFIC und Aware nutzt die sich ergänzenden Plattformen beider Organisationen – NAFFICs STCP, das die Herkunft von recycelten Rohstoffen erfasst und verifiziert sowie Rohstoffherkunftserklärungen und Transaktionszertifikate auf Rohstoffebene ausstellt, und Awares einzigartige, in der Blockchain verankerte Datentoken für jede Produktionscharge. Das System erfasst automatisch jede Materialtransaktion und erstellt ein Blockchain-Transaktionszertifikat (Crypto TC) sowie einen Rückverfolgbarkeitsnachweis.
Das Crypto TC von Aware bietet laut van der Veen neben der Einhaltung gesetzlicher Vorschriften auch einen Kostenvorteil: Es habe denselben Wert wie ein herkömmliches Transaktionszertifikat, wird jedoch sofort und ohne zusätzliche Kosten pro Transaktion generiert. Aware setze seit mehreren Jahren Tracer-Partikel und seine Blockchain-Technologie ein und wende diese auf recycelte Baumwolle, Denim und andere Materialien an.
Ein neuer Machtfaktor für Hersteller
NAFFIC und Aware erklärten in Suzhou, ihre Zusammenarbeit stelle einen grundlegenden Wandel in der Beziehung zwischen asiatischen Herstellern und westlichen Marken dar. Der DPP kehre die bisherige Dynamik um, bei der Marken Audits und Vorschriften festlegen, während die Hersteller auf die Genehmigung warten. Dadurch könnten chinesische Hersteller europäischen Marken die Daten zur Verfügung stellen, die diese zur Erfüllung der verbindlichen Compliance-Anforderungen benötigten. Das verschaffe ihnen einen Vorteil als Lieferanten, den diese Marken aktiv suchen.

So sieht der DPP von NAFFIC und Aware aus (Quelle: Aware)
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