Die Bundeswehr wäre ohne KMU nicht einsatzbereit

Beitrag von Dr. Dietmar Müller

Chefredakteur Beyond Buzzwords

07. Oktober 2026

Warum Bundeswehr-Aufträge für den deutschen Mittelstand eine immer wichtigere Stütze sind, wie hoch der reale Wertschöpfungsanteil ist und wo das Geld aus den Verteidigungsetats tatsächlich ankommt – eine fundierte Daten-Analyse.

Executive Summary: Die Kernerkenntnisse auf einen Blick

 

  • Hohe KMU-Dichte im Branchenverband: Von den rund 540 Mitgliedsunternehmen des BDSV zählen knapp 80 Prozent zum klassischen Mittelstand. Sie stellen das technologische Rückgrat der Verteidigungswirtschaft dar. 
  • Bedeutender Wertschöpfungsanteil: Nach Daten des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) tragen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) rund 39 Prozent zur Gesamtwertschöpfung der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI) bei.
  • Starker Beschäftigungsmotor: Gut 49 Prozent aller Erwerbstätigen in der deutschen SVI arbeiten in KMU. Die Branche zeichnet sich zudem durch ein überdurchschnittliches Lohnniveau aus. 
  • Indirekte Hebelwirkung: Über Vorleistungsverflechtungen (z. B. IT-Dienstleistungen, Präzisionstechnik, Maschinenbau) erzeugt jeder Euro in der Kern-Rüstung signifikante Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekte im breiten Mittelstand.
  • Trickle-Down-Problematik: Trotz formal hoher Mittelstandsquoten fließen Großaufträge primär an Hauptauftragnehmer (Primes). Der tatsächliche Zufluss zu kleineren Sub-Zulieferern erfordert verlässliche Unterauftragsquoten und transparente Supply Chains.


In der öffentlichen Debatte rund um den 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen-Fonds und das stetig steigende NATO-Zwei-Prozent-Ziel dominieren meist einheimische Großkonzerne und internationale Systemhäuser. Panzer-, Kampfflugzeug- und Fregattenbau stehen symbolisch für die Beschaffungsvorhaben der Truppe. Die makroökonomische Wirklichkeit der deutschen Wehrtechnik wird jedoch von einer völlig anderen Akteursgruppe geprägt: dem industriellen Mittelstand.

Ob Präzisionsoptiken, Hochleistungskabel, spezialisierte Software-Architekturen, Fahrwerkskomponenten oder die Instandhaltung von Fahrzeugflotten – ohne die spezialisierten Zulieferer der Rüstungs- und Dual-Use-Branche stünden die Montagebänder der großen Systemhäuser still. Bundeswehr-Aufträge haben sich für viele mittelständische Betriebe von einer stabilisierenden Nische zu einem zentralen Wachstumstreiber entwickelt.

Die Zahlen des BDSV: Das Mittelstands-Ökosystem der Verteidigung

Ein Blick auf die Struktur des maßgeblichen Branchenverbandes, des Bundesverbands der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV), belegt die mittelständische Prägung der Branche.

    • Mitgliederstruktur: 
      Von den rund 540 beim BDSV organisierten Unternehmen gehören ca. 80 Prozent dem Mittelstand an. Dazu zählen klassische Familienunternehmen, hochspezialisierte Hidden Champions aus dem Maschinenbau, Elektronikfertiger sowie innovative Software- und Cyber-Security-Schmieden.
    • Arbeitsplätze und Wertschöpfung: 
      Nach Erhebungen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) erwirtschaften KMU direkt rund 39 Prozent der gesamten Wertschöpfung in der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.
    • Beschäftigungseffekt: 
      Über 49 Prozent aller Erwerbstätigen in der Sicherheits- und Verteidigungsbranche sind in kleinen und mittleren Unternehmen beschäftigt.

Diese Zahlen verdeutlichen: Der deutsche Verteidigungssektor ist keine Monopollandschaft weniger Großkonzerne, sondern ein dicht gewebtes Netzwerk, in dem KMU eine tragende Rolle bei Beschäftigung und Innovation einnehmen.

Breitenwirkung in die Gesamtwirtschaft: Indirekte Effekte für den Mittelstand

Die Relevanz von Verteidigungsausgaben erschöpft sich nicht in den direkten Umsätzen der wehrtechnischen Betriebe. Ökonomische Multiplikator-Studien (wie die Analysen des WifOR-Instituts im Auftrag des BDSV) zeigen, dass jeder Euro, den die Bundeswehr oder ein Rüstungskonzern investiert, weitreichende Sekundäreffekte in der zivilen Wirtschaft auslöst.

Für die Herstellung sicherheitsrelevanter Güter bezieht die SVI Milliarden an Vorleistungen aus anderen Branchen:

    • IT- und Informationsdienstleistungen: 
      Rund 24 Prozent der indirekten Wertschöpfung der Branche entstehen im IT-Sektor, wo Tausende mittelständische IT-Arbeitsplätze an Aufträgen aus dem Wehrbereich hängen.
    • Maschinenbau und Metallverarbeitung: 
      Mechanische Komponenten, Dichtungen, Hydrauliksysteme und Speziallegierungen werden überwiegend von zivilen mittelständischen Zulieferern gefertigt.
    • Forschung und Entwicklung: 
      Fast zwei Drittel (rund 63 Prozent) der Unternehmen der Verteidigungsbranche entwickeln ihre Innovationen im Rahmen von Forschungskooperationen mit Firmen aus anderen Wirtschaftssektoren.

Zusätzlich zahlt die Branche im Schnitt Gehälter, die signifikant über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt liegen, was wiederum die lokale Kaufkraft in den meist ländlich geprägten Produktionsregionen stärkt.

Die Verteiler-Hürde: Kommt das Geld auch bei den Kleinen an?

Trotz der beachtlichen Strukturzahlen verdeutlichen aktuelle Marktanalysen eine zentrale Schwachstelle in der Beschaffungskette: den Verteilungsmechanismus.

Da die Bundeswehr aus Gründen der Verwaltungseffizienz bevorzugt Großaufträge an Generalunternehmer (Primes) vergibt, fließt der Großteil des Beschaffungsbudgets zunächst an Großkonzerne. Von dort aus verzögert sich die Weitergabe von Aufträgen an Sub-Lieferanten im Mittelstand oft durch langwierige Vertragsverhandlungen, unklare Abrufzahlen oder komplexe Zertifizierungsauflagen.

Verbandsvertreter und Ökonomen fordern daher verstärkt, dass im Zuge der Beschaffungsreformen des BAAINBw mittelstandsfreundliche Vergabekriterien verankert werden – etwa durch stärkere Losvergaben, vereinfachte Zertifizierungswege für Dual-Use-Anbieter und eine verlässliche Vergabe von Unterauftragsquoten an KMU.

Fazit: Eine essenzielle, aber anspruchsvolle Partnerschaft

Für den deutschen Mittelstand sind Bundeswehr-Aufträge mehr als eine Konjunkturstütze in Zeiten ziviler Flaute. Sie bieten verlässliche, langfristige Perspektiven und technologische Synergien. Damit das Sondervermögen und die regulären Verteidigungsetats jedoch ihre volle volkswirtschaftliche Hebelwirkung entfalten, muss die Integration mittelständischer Betriebe in die Rüstungs-Lieferketten weiter vereinfacht und beschleunigt werden.

FAQ: Fragen & Antworten

Frage: Wie viel Prozent der BDSV-Mitgliedsunternehmen gehören zum Mittelstand?

Antwort: Rund 80 Prozent der rund 540 Mitgliedsunternehmen im Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU).

Frage: Welchen Anteil hat der Mittelstand an der Wertschöpfung und Beschäftigung in der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie?

Antwort: Nach offiziellen Daten des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWK) tragen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) etwa 39 Prozent zur Gesamtwertschöpfung der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie bei und stellen gut 49 Prozent aller Erwerbstätigen der Branche.

Frage: Warum profitieren mittelständische Zulieferer oft nur verzögert von Großaufträgen der Bundeswehr?

Antwort: Die Bundeswehr vergibt Großprojekte bevorzugt als Gesamtpakete an Hauptauftragnehmer (Systemhäuser/Primes). Mittelständler agieren meist als Sub-Zulieferer auf Tier-1- bis Tier-3-Ebene. Bis Aufträge, Spezifikationen und Budgets von den Generalunternehmern an die kleineren Zulieferer durchgereicht werden, vergehen aufgrund komplexer Vertrags- und Compliance-Prüfungen oft viele Monate.

 

Kommentar hinzufügen