„Der Hype um KI ist am Peak“

Beitrag von Dr. Dietmar Müller

Chefredakteur Beyond Buzzwords

28. August 2026

Der Markt schreit nach Innovation, die Gremien fordern Fortschritt, und plötzlich muss jedes Unternehmen einen „Data Lake“ besitzen oder über Bitcoin in der Bilanz nachdenken. Doch wie trennt man echten technologischen Fortschritt von teurem Marketing-Lärm? In unserer Interviewreihe zu Trends und Buzzwords plädiert heute Stevan Lutz, CFO und Vorstand bei der CSS AG, für einen kühlen Kopf sowie einen harten finanzmathematischen Filter.


Stevan Lutz verkörpert den modernen Typus eines Chief Financial Officer, der Zahlen nicht nur verwaltet, sondern die digitale Transformation aktiv mitgestaltet. Als Vorstand und CFO bei der CSS AG mit Hauptsitz in Künzell, Hessen verantwortet er nicht nur die klassischen Finanzbereiche, sondern ist maßgeblich an der strategischen Ausrichtung des Unternehmens beteiligt. Er gilt als ausgeprägter Skeptiker gegenüber reinen Marketing-Trends der IT-Branche. Er vertritt die Ansicht, dass jede Technologie einer klaren Beweispflicht unterliegt. Seine beiden Kernfragen bei Investitionen lauten stets: „Was wird dadurch verbessert?“ und „Rechnet sich das?“. Wer könnte besser als er die Streu vom Weizen trennen und echte Trends identifizieren?

 

Herr Lutz, welchen Hype haben Sie mitgemacht, obwohl er Sie genervt hat?

Lutz: Mit dem Hype um Big Data Mitte der 2010er-Jahre, konnte ich nicht viel anfangen. Aussagen wie ‚Daten sind das neue Öl‘ und Co. waren allgegenwärtig. Die Folge war, dass plötzlich alle einen Data Lake haben mussten. Oft wurden dann Projekte gelauncht, ohne dass überhaupt die Frage bekannt war, die damit beantwortet werden sollte. Kein Wunder also, dass viele ambitionierte Data Lakes sich dann in eher undurchsichtige „Data Swamps“ verwandelten. Und ja, auch wir haben den Hype mitgemacht, aber bewusst anders. Wir haben erst die für uns relevanten Auswertungen definiert und dann gezielt eine saubere Datenbasis dafür aufgebaut. Genau das zahlte sich aus, weil es die Grundlage für alles ist, was heute unter dem Stichwort ‚KI‘ läuft.

Warum haben Sie den Hype trotzdem mitgemacht?

Der Druck von Markt und Gremien war nicht hypothetisch, sondern ziemlich real. Die Kunst lag darin, mitzuspielen, aber die Substanz vom Lärm zu trennen. Wir haben daher ganz genau hingeschaut und analysiert, was wirklich Sinn ergibt, statt blind einen Data Lake zu bauen.

Gab es einen Hype, den Sie so sinnlos fanden, dass Sie ihn nicht mitgemacht haben?

Da fällt mir spontan ein, dass viele Unternehmen vor einiger Zeit in Kryptowährungen als Asset investiert haben. Die Idee dahinter war, Bitcoin als Treasury-Reserve in die Bilanz zu nehmen. Der Grund? Na, weil ‚alle innovativen Unternehmen das machen‘. Für ein operativ geführtes Unternehmen ist das allerdings kein echtes Investment, sondern eine Spekulation zulasten der Liquidität. Meine Aufgabe als CFO ist es aber, Liquidität planbar und sicher zu halten. Das ist mit einem Asset, das an einem Tag 30 Prozent an Wert verlieren kann, praktisch unvereinbar.

Wie haben Sie erkannt, dass das nur ein Hype ist?

Mein Test für solche Situationen ist banal aber effizient. Ich stelle schlicht die Fragen: ‚Was wird dadurch verbessert?‘ und ‚Rechnet sich das?‘. Wenn die Antwort für unser Geschäft nur aus Folien mit Visionen besteht, aber kein belastbarer Business Case hergeleitet werden kann, dann ist es höchstwahrscheinlich ein Hype.

Gab es Hypes, die sich im Nachhinein als wertvoll herausstellten, obwohl Sie skeptisch waren?

Ja, Cloud und Software-as-a-Service. In der Vergangenheit war ‚on premises‘ damit gleichzusetzen, volle Kontrolle und Datenhoheit zu haben. Heute ist die Cloud jedoch kein Nice-to-have mehr, sondern eine absolute Grundvoraussetzung für viele Unternehmen, etwa um überhaupt KI-fähig zu werden. Viele im deutschen Mittelstand sitzen noch auf Legacy-Strukturen und merken das gerade schmerzhaft.

Wie gehen Sie heute mit neuen Trends um?

Mit einem festen Filter statt mit Reflexen. Jeder Trend muss eine messbare Verbesserung bringen, neue Chancen erzeugen oder Risiken reduzieren, sonst bleibt er erstmal auf der Beobachtungsliste. Was den Filter passiert, testen wir klein in einem Pilotprojekt, messen den Effekt und skalieren nur das, was sich belegen lässt. Neugierig und aufmerksam bleibe ich natürlich. Allerdings unterliegen Trends für mich einer klaren Beweispflicht. Auf gut Glück wird nicht investiert.

Welches Thema hätte einen Hype verdient, wird aber ignoriert?

Ganz klar Datenqualität und sauberes Stammdatenmanagement. Ich weiß natürlich, dass das eher unsexy ist, deshalb redet auch kaum jemand darüber. Das sollten wir aber, denn es ist die Voraussetzung für alle aktuellen Entwicklungen. KI zum Beispiel funktioniert nur mit sauberen, einheitlichen Daten. Ohne Single Source of Truth automatisiert man am Ende nur seine Fehler schneller.

Ist der AI-Hype am Höhepunkt oder dürfen wir mehr erwarten?

Das muss differenziert betrachtet werden. Der eigentliche Hype, also die überzogenen Erwartungen an Künstliche Intelligenz, ist vermutlich nahe am Peak. Da wird sehr bald eine Phase der Ernüchterung folgen. Beim produktiven Nutzen stehen wir dagegen erst am Anfang, gerade im Finanzbereich. Anders gesagt: Die laute Phase endet bald, die wertschöpfende fängt gerade erst an. Und wir ebnen mit eGecko und unserer Vision der autonomen Finanzsteuerung gerade den Weg dafür.

Was wird das nächste große Buzzword?

Aktuell ist das gerade hier in Europa wohl Datensouveränität beziehungsweise ‚Sovereign AI‘. Die Frage, wo und unter wessen Kontrolle Daten und Modelle laufen, beschäftigt uns im deutschen Mittelstand immer mehr und wird schnell vom Nischenthema zur Vorstandsfrage avancieren.

Herr Lutz, wir danken für das aufschlussreiche Gespräch!

 

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