Der DPP als globales Phänomen

Beitrag von Dr. Dietmar Müller

Chefredakteur Beyond Buzzwords

01. Juni 2026

Der digitale Produktpass (DPP) als Garant für die Multi-Tier Visibility ist dabei, sich von einer rein europäischen Regulierungsinitiative zu einem globalen Standard zu entwickeln. Thomas L. Roedding, CEO von Narravero betrachtet ihn als neuen Reisepass für Waren im Welthandel.

Was ursprünglich als Teil des europäischen Grünen Deals und der Ökodesign-Verordnung (ESPR) begann, entwickelt sich rasant zu einer globalen Notwendigkeit. Den Grund dafür macht Thomas L. Roedding, CEO von Narravero, in der Vernetzung der Weltwirtschaft aus. Da die EU einer der größten Binnenmärkte der Welt sei, müssten sich globale Lieferanten anpassen, um den Marktzugang nicht zu verlieren. Dies führe zu einem „Brüssel-Effekt“, bei dem europäische Standards für Transparenz und Rückverfolgbarkeit weltweit übernommen werden.

Unternehmen in Asien und Amerika hätten längst damit begonnen, ihre Datenstrukturen so umzubauen, dass sie die Anforderungen des DPP erfüllen können. Damit werde der digitale Pass zum neuen Reisepass für Waren im Welthandel des Jahres 2026.

 

Vom regulatorischen Zwang zum strategischen Hebel

Roedding betont, dass der wahre Wert des DPP weit über die bloße Einhaltung von Gesetzen hinausgeht. Er fungiere als technologisches Rückgrat, das es Unternehmen ermöglicht, den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte erstmals datenbasiert zu steuern. In einer linearen Wirtschaft ende die Beziehung zum Produkt meist mit dem Verkauf. Der DPP hingegen schaffe eine dauerhafte digitale Verbindung. Diese Transparenz ermögliche es Unternehmen, den Zustand ihrer installierten Basis zu überwachen, Wartungsintervalle zu optimieren und den Restwert von Komponenten präzise zu bestimmen. So ermögliche der DPP neue Geschäftsmodelle wie „Product-as-a-Service“ oder großangelegte Rücknahme- und Refurbishment-Programme.

 

Die Architektur der zirkulären Intelligenz

Technisch betrachtet sei der DPP weit mehr als ein simpler QR-Code. Er erfordert laut Roedding eine komplexe Architektur für den Datenaustausch entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Er hebt hervor, dass die größte Herausforderung in der Interoperabilität liegt. Daten müssten sicher und standardisiert zwischen Rohstofflieferanten, Herstellern, Logistikern, Konsumenten und Recyclern fließen.

Dabei spiele das Konzept der dezentralen Datenhaltung eine zentrale Rolle: Die Informationen verblieben bei den jeweiligen Unternehmen, seien aber über eine gemeinsame digitale Schnittstelle abrufbar. Dies schütze Geschäftsgeheimnisse, während gleichzeitig die für den Kreislauf notwendigen Informationen – etwa über kritische Rohstoffe oder Demontageanleitungen – für berechtigte Akteure zugänglich gemacht würden.

 

Skalierung der Kreislaufwirtschaft durch Transparenz

Ein zentrales Hindernis für die Kreislaufwirtschaft sei bisher der Mangel an verlässlichen Informationen am Ende des Produktlebenswegs gewesen. Recycler wüssten oft nicht, welche Chemikalien oder Legierungen in einem Altgerät verbaut sind, was zu minderwertigem „Downcycling“ führe. Der DPP löse dieses Problem, indem er die stoffliche Zusammensetzung transparent mache. Dies erlaube es, Materialien in ihrer ursprünglichen Qualität zurückzugewinnen und wieder in die Produktion einzuspielen. Roedding argumentiert, dass erst diese Transparenz die wirtschaftliche Skalierung von Kreislaufmodellen ermöglicht, da sie die Risiken und Kosten für die Aufbereitung massiv senkt. Abfall werde so planbar und zu einer wertvollen Ressource.

 

Die Rolle der Führungskräfte und der IT

Der Übergang zum DPP ist laut Roedding keine reine IT-Aufgabe, sondern eine strategische Neuausrichtung für die Unternehmensführung. IT-Entscheider spielten eine Schlüsselrolle, da sie die Brücke zwischen physischen Produkten und digitalen Datenströmen schlagen müssten. Es gelte, Energiemanagement-Systeme, ERP-Software und Supply-Chain-Tools so zu integrieren, dass sie die für den DPP erforderlichen Daten automatisch generieren und aktualisieren können.

Gleichzeitig müssten Führungskräfte die Unternehmenskultur öffnen, um die notwendige radikale Kollaboration mit Partnern in der Lieferkette zu fördern. Wer den DPP nur als Pflichtaufgabe sehe, werde die Chance verpassen, die gewonnenen Daten zur Optimierung der eigenen Wertschöpfung zu nutzen.

 

Ausblick: Der neue Standard für industrielle Exzellenz

Abschließend zeichnet Roedding das Bild einer Zukunft, in der Produkte ohne digitalen Pass schlichtweg als minderwertig oder riskant gelten werden. Der DPP werde zum neuen Qualitätsmerkmal für industrielle Exzellenz. Er biete die Basis für ein faires Spielfeld, auf dem Unternehmen, die in echte Nachhaltigkeit investieren, nicht länger durch intransparente Billigkonkurrenz unterboten werden könnten. Die globale Einführung des DPP markiere das Ende der Ära der Geheimnisse in der Produktion.

„Der Digitale Produktpass ist keine isolierte regulatorische Anforderung, sondern eine neue Infrastruktur für Produktdaten“, so Roedding. „Die zentrale Herausforderung besteht darin, die Interoperabilität dieser Systeme und ihre Vernetzung über verschiedene Märkte hinweg zu gewährleisten.“

 

 

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